2026
Es liegt ein Widerspruch darin, Worte zu machen über den Wunsch nach dem eigenen Verschwinden.
Es war immer mein Traum, mich selbst zu vergessen, aber das war mir nur selten beschieden.
von eva cader-benedix
2025
Es hat keinen Sinn, etwas anderes zu lesen als Thomas Mann; und sei es mithilfe von fünf Dioptrien.
Klar, daß nicht alle Blütenträume reifen und Widerstände sich aufzutun pflegen, nicht jede Chance hämmert mit den Fäusten ans Tor und schreit, laß mich ein, ich bin deine Chance, im Gegenteil, eine Chance mit Selbstrespekt vermeidet solchen Quark.
Was mich mein Leben lang gewundert hat, ist die Tatsache,
daß menschliche Schandtaten offenbar nie an einem Mangel an Schergen scheitern.
Dinge stellen sich anders dar, wenn man sie aufschreibt.
Die notwendig innewohnende Verzögerung durch den Akt des Schreibens gibt dem Gedanken
eine eigene Schwere, Festigkeit, Gültigkeit, die dem bloßen flüchtigen Gedanken
nicht eignet.
Die Gedichte haben mich geöffnet, nicht sperrangelweit, aber einen Spalt.
2024
Laufbahn
Ich hatte die Passage gelesen – und muß gestutzt haben, denn als ich ein paar Seiten weiter war, blätterte ich zurück, bis ich sie wiederfand, und unterstrich die Sätze, schrieb sie sogar heraus in eines meiner Kolleghefte für Notizen. Dann las ich das Buch weiter.
Viele Jahre danach fielen mir in irgendeinem Zusammenhang bildhafte Bruchstücke dieser Passage wieder
ein, aber ich hatte vergessen, wo ich sie gelesen hatte. Ich hatte sogar
vergessen, daß ich sie herausgeschrieben hatte. Zuerst dachte ich an Thomas
Mann, und blätterte und blätterte in meinen vielen Unterstreichungen in einigen
seiner Bücher, wo ich sie meiner Meinung nach hätte vermuten können, umsonst.
Ich suchte im Weltweiten Netz, aber auch dort fand ich keine Hinweise.. Dann durchsuchte
ich endlich meine vielen Kolleghefte mit Notizen, und – da war sie, säuberlich
mit der Hand abgeschrieben und bewahrt. Sie lautete so:
„Es wird dir Spaß
machen, Mira, wenn ich dir ... den jungen Hohenems als einen Menschen
schildere, den das Leben nie schlucken wollte. Dabei ersehnte er sich nichts
inniger, als vom Leben verschluckt zu werden, und versuchte bei jeder nur
möglichen Gelegenheit, sich ihm durch die Gurgel zu zwängen, aber das Leben
blieb eigensinnig und wollte nicht.“
Tania Blixen, natürlich.
Ich fand ihre Formulierung, ihre Metapher besonders geglückt. Meine Thomas
Mann-Vermutung lag aber auch nicht ganz und gar daneben, denn er war, wie ich
gelesen hatte, einer ihrer Lieblingsautoren gewesen.
Die Passage mußte sich mir durch das mühsame Aufsuchen besser eingeprägt
haben, denn in der Folge dachte ich ab und zu an sie, wenn ich an eine
bestimmte Person oder literarische Gestalt dachte und mir das eine oder andere
Lichtlein aufging. Könnte am Ende zum Beispiel Tania Blixen selbst etwas zu tun
gehabt haben mit ihrer Beschreibung eines solchen Lebenszustandes?
Das richtig große Licht ging mir erst auf, als ich, schon alt geworden, vor
nicht langer Zeit wieder einmal diese
Favoritlektüre von früher zur Hand nahm.
Der Mensch ist von Natur aus ein Glückspieler. Frieden macht ihn nicht glücklich. Wenn gerade kein Krieg ist, spielt er Krieg.
Ich muß langsam leben. Das kann heißen: ich muß allmählich anfangen zu leben. oder eben, daß ich langsam leben muß.